INTERVIEW mit Silke Maier-Witt aus zivil 4/99
 

Von Gewalt und Terror zur gewaltfreien Aktion:

»Irgendwann ging es nicht mehr«

Ein ehemaliges RAF-Mitglied wird Friedensfachkraft

 
   

Silke Maier-Witt war Mitglied in der RAF und befürwortete bewaffnete Gewalt als Mittel der Politik. Inzwischen hat sie sich von der Terrorgruppe losgesagt und ihre Strafe verbüßt. Jetzt plant sie einen Neuanfang als gewaltfreie Friedensfachkraft im Kosovo.

zivil: Frau Maier-Witt, Ihre Abkehr von der Gewalt als Mittel für den politischen Zweck, war das eher ein abrupter Schnitt oder ein langwieriger Prozess?

Maier-Witt:
Für meinen Ausstieg gab es schon einen konkreten Anlass: Ich bin ausgestiegen, nachdem eine unschuldige Frau 1979 in der Schweiz bei einem Banküberfall der RAF erschossen wurde. Aber damals habe ich die Politik der RAF noch nicht für völlig falsch gehalten. Erst später habe ich klargekriegt, dass da ein ganz grundsätzlicher Widerspruch besteht: Die Menschheit zu retten und Gewalt anzuwenden, das geht nicht.

zivil: Gewalt als politisches, revolutionäres Mittel war bei vielen Linken in jener Zeit prinzipiell akzeptiert – allerdings bezogen auf andere Menschen und andere Länder: Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt wurden unterstützt, bis hin zu Spenden für deren Waffenkäufe.
Maier-Witt: Das stimmt. Und es wurde auch mir erst sehr viel später klar, zusammen mit meinem Entschluss auszusteigen, dass diese Bewegungen, die sehr viel Gewalt und Tote in Kauf nehmen, diese Gewalt immer weitertragen.
zivil: Weil sie den Kreis nicht durchbrechen, kein Ende hinkriegen?
Maier-Witt: Dass sie kein Ende hinkriegen zum einen, und dann auch selber wieder gewaltsam versuchen müssen, eine noch immer starke Opposition niederzuhalten. Außerdem ist mir klar geworden, dass wir im Grunde genommen mit unserer abstrakten Politik ja überhaupt keine Legitimation mehr hatten. Also, ein Volk, das wirklich unterdrückt wird und sich zur Wehr setzt ist etwas anderes, als Leute, die sich so »kopfmässig« entschließen: Wir greifen jetzt in der BRD an, um den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu helfen. Das ist ja schon sehr abstrakt. Und da dann noch zu sagen, »das rechtfertigt, dass wir soundsoviele Tote in Kauf nehmen«, das ist schon anmaßend, das ist unheimlich anmaßend. Das ist es, was ich mir im nachhinein auch am meisten übel genommen habe: Dass ich sehr wohl gesehen habe, wie entsetzlich das war, gerade bei Schleyer, wo also wirklich brutalst diese vier Leute in einem Kugelhagel ermordet wurden. Und auf die wurde im Grunde genommen kein Gedanke verschwendet. Dabei waren sie ja keine Funktionsträger. Das verstieß ja selbst gegen die moralischen Vorstellungen, die ja die RAF auch hatte, die zum Beispiel Flugzeugentführungen abgelehnt hatte, wegen der Unbeteiligten. Aber bei Schleyer, da war es anders, da hat der Zweck alle Mittel geheiligt.
Dass es mir gelungen ist, für eine Ideologie so weit zu gehen, alle moralischen Bedenken fortzuwerfen, das war für mich dann schon eine entscheidende Selbsterkenntnis. Da habe ich auch verstanden, wie das in der Nazi-Zeit gewesen ist. Also wie gefährlich das ist, eine Ideologie und eine Gruppe zu haben, der man sich zugehörig fühlt und die einem das Denken dann ja auch abnimmt.
Das habe ich mit großem Schrecken bei mir festgestellt, allerdings erst im Knast, wo ich wieder anfing, mich mit mir und meinem RAF-Sein und mit der Frage auseinanderzusetzen, wieso bin gerade ich da reingekommen. Und ich habe gesehen, dass ich im Grunde aus so einer Position der Schwäche in die RAF gekommen bin. Ich habe, als ich inhaftiert war, eine Frau kennengelernt, die war in einer Sekte, und da habe ich gemerkt: So unterschiedlich ist das gar nicht. Also, in der RAF sein hat mich immerhin der Notwendigkeit enthoben, mir immer wieder neu darüber klar zu werden: Was mache ich? In welche Richtung geht das? Wen unterstütze ich?
Es gab nur: »Einmal entschieden, immer entschieden.« Es wurde von der RAF auch immer dieses »Mensch oder Schwein sein« hochgehalten. Entweder du bist auf der richtigen Seite, oder du bist vollständig auf der falschen. Dazwischen gibt es nichts. Und dann war mit der Entscheidung, in die RAF zu gehen, der Weg in die andere Richtung ja abgeschnitten.
zivil: Das heißt, Gedanken an einen Ausstieg fallen auch deshalb nicht leicht, weil ja alle persönlichen Beziehungen gekappt sind, weil die Konsequenz des Ausstiegs hieße: völlige Leere in menschlichen Beziehungen. Ich stelle mir vor, das ist ein sehr schwieriger Schritt.
Maier-Witt: Ja. Aber im Grunde genommen war es immer nur eine Illusion, dass da innerhalb der RAF eine Nähe, eine menschliche Nähe wäre. In Wirklichkeit war da nichts. Und grundsätzliche Fragen und Probleme konnte man sowieso nie richtig ansprechen, das war viel zu gefährlich.
zivil: Gefährlich für wen?
Maier-Witt: Für alle, für einen selbst, für die Gruppe, für das ganze System.
zivil: Nach dem Motto: Wehe es kommt jemand auf andere Ideen?
Maier-Witt: Genau. Also wenn jemand das grundsätzlich in Frage stellte, was wir da machten, dann wurde auf jeden Fall immer mit ganz großen Vergleichen argumentiert, meinetwegen mit den Unschuldigen, die in Vietnam umkamen. Die wurden dann rangeholt.
Ich glaube, dass die grundsätzliche Frage der Gewaltanwendung nicht gestellt werden durfte, weil sie den Bestand gefährdet hätte. Und wer das nicht ausgehalten hat, der war da einfach falsch. Und deshalb sind auch zehn Leute wirklich raus.
Ich denke, auch für den einzelnen klappt es nur, solange man es schafft, diese Grundsatzfrage zu verdrängen. Aber dass dieses Verdrängen möglich ist, ist das Erschreckende auf der anderen Seite.
zivil: Aber irgendwann ging es bei Ihnen nicht mehr.
Maier-Witt: Irgendwann ging es nicht mehr. Das hatte sich vorher schon angekündigt, aber der Tod der unschuldigen Frau – einer Jüdin – die beim Banküberfall in der Schweiz getötet wurde, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Im Nachhinein sehe ich, dass es auch von Seiten der Gruppe klar war, dass ich da nicht mehr reingehörte, denn: Als die zurückkamen von diesem Banküberfall, da war ja einer von unseren Leuten verhaftet worden, und ich habe nur als erstes gesagt: »Eine unschuldige Frau ist dabei erschossen worden.« Und dass ich als erstes an die gedacht hab’ und nicht an unseren Verhafteten, das war schon so ein Symbol, da war schon klar ...
zivil: ... die ist nicht mehr »stark« genug!
Maier-Witt: Die ist nicht mehr »stark« genug. Das war auch so eine Verkennung von dem, was eigentlich Stärke ist.

Auf
wie vielen Wegen kommen Menschen zur Gewalt?

zivil: Während Ihrer Zeit im Gefängnis, so sagten Sie, seien Sie erst richtig dazu gekommen, über sich und Ihr Leben nachzudenken. Haben Sie damals auch über Gewalt und Gewaltlosigkeit nachgedacht, von der Kraft und den Mitteln der Gewaltfreiheit erfahren?
Maier-Witt: Das kam noch später. Ich bin zuerst eher ins Psychologische gegangen. Während meines Psychologie-Studiums habe ich darüber nachgedacht: Was muss passieren – auch bezogen auf meinen Vater und deutsche Geschichte – dass Leute sich zumindest mit dem konfrontieren, was sie getan haben. Also mehr auf der Ebene der individuellen Gewalt. Das hat mich auch bei meiner Diplomarbeit interessiert: Ich habe da ein Mädchen interviewt, die hat ein anderes Mädchen umgebracht.
zivil: Eine Thematik, die viel mit Ihnen selbst zu tun hat. Sie sind Ihrer Biographie also nicht ausgewichen.
Maier-Witt: Ich wollte die Mechanismen begreifen: Auf wie vielen Wegen kommt jemand dazu, Gewalt anzuwenden? Wie anfällig können Menschen sein, wenn sie in irgendwelche Gruppenzusammenhänge kommen? Ich habe das ja selbst im Grunde genommen noch mal durchlebt, als ich in die DDR gekommen bin. »Die Idee des Sozialismus« diesmal als Klammer. Die Idee fand ich gut, aber das, was daraus gemacht wurde in der DDR ... Es wurde aber krampfhaft daran festgehalten, dass der Sozialismus insgesamt schon eine gute Sache sein könnte – und friedenserhaltend obendrein ...
zivil: ... also schon wieder so ein Gruppendruck?
Maier-Witt: Das hab’ ich mir auch gedacht: Das ist ja das Gleiche schon wieder. Du bist vom Einen gekommen und ins Nächste rübergelaufen. Und dann ist es so Stück für Stück gebröckelt.
Diese Vorstellung, auch bewaffnete Gruppen zu unterstützen, das ist ja sowas, was jetzt allmählich bröckelt. Das haben Staaten getan, zum Beispiel die DDR, das haben linke Gruppen getan. Ich habe gerade erfahren, dass es auch Unterstützungskomitees für die UÇK gegeben hat, die auch noch hier im Westen geholfen haben, denen Waffen zu beschaffen. Gruppen also, die diese direkte Konfrontation auch suchen, wie es die RAF ja auch gemacht hat. Auch wenn klar ist, was dabei heraus kommen wird: Die Gewalt steigert sich, geht weiter, keiner weicht zurück ... Was soll sinnvoll daraus werden? Für mich war irgendwann klar: Es geht nicht, man kann nicht friedliche Ziele verfolgen und dann Waffengewalt und Tote rechtfertigen. Aber es hat lange gedauert, bis jetzt zum Kosovo-Krieg, bis ich das Gefühl hatte, ich müsste mich in dieser Hinsicht auch engagieren.

»Ich muss mich daran gewöhnen, Projektionsfläche zu sein«

zivil: Das ist meine nächste Frage: Von der Ablehnung der Gewalt hin zu praktischem, gewaltfreiem Engagement führt kein zwingender Weg. Woher kam der Impuls bei Ihnen dazu? Haben Sie Gandhi gelesen?
Maier-Witt: Als ich aus dem Knast raus war, da hatte ich schon ein bisschen Mühe. Ich hatte zum ersten Mal seit langem wieder die Chance, selber zu entscheiden, was ich eigentlich mache. Und es hat gedauert, bis ich es schaffte, diese Chance für mich auch wahrzunehmen.
Ich wollte zunächst auf der psychologischen Ebene mit kaputten Familien und den kaputten Kindern da drinnen etwas machen. Als der Kosovo-Krieg kam, da spürte ich sehr deutlich, dass mir das nicht reichte, ich mich eigentlich schon noch einmischen will.
Seit dieser Anzeige, in der eine Friedensfachkraft gesucht wurde, habe ich mich eigentlich erstmals richtig mit all diesen Friedensfragen beschäftigt. Was mir schon länger klar war: Wir haben in der Friedensbewegung immer gesagt, dass wir gegen Waffen sind, aber das war noch keine Antwort auf die Frage, wie es denn sonst gehen soll. Das hat mich auch während des Kosovo-Krieges am meisten aufgeregt, dass immer zu hören war: Es gibt zum Krieg, zu den Bomben keine Alternative. Nur so geht es!
Ich dachte: Wenn das jetzt stimmt, dann stimmt alles nicht, was ich für mich selber gelernt hatte und für mich ganz sicher wusste. Ich wusste: So geht es eben nicht! Also von daher fand ich mich in dieser Stellenausschreibung genau wieder.
zivil: Sie haben den Platz zur Ausbildung als Friedensfachkraft bekommen, Ihre Ausbildung läuft noch, Ihr Einsatz ist geplant, wenn es sein muss – weil das BMZ in Ihrem Falle zögert, die Finanzierung mitzutragen – durch Spenden finanziert. Aber das BMZ hat es durch seinen Einwand geschafft, dass Sie jetzt wieder in den Medien sind. Wie kommen Sie denn damit zurecht?
Maier-Witt: Als ich die Zusage bekam, da dachte ich, das ist genau das Richtige für mich. Als es dann plötzlich hieß, ich könnte das nicht mehr machen, da war ich schon ziemlich verzweifelt. Auch wegen der Begründung, dass das Ganze in die Medien käme. In die Medien kommt es immer durch die Angst der Leute, es käme in die Medien; dann erst wird es zum Politikum. Das Schlimme ist, dass ich ja noch gar nichts gemacht habe, aber auch das wird schon wieder auf einen Sockel gehoben. Es ist einfach unproportional. Ich hatte es wirklich satt. Inzwischen denke ich: Es ist einfach so – muss so sein.
Manchmal dachte ich, das löst auch schon mal Diskussionen aus und Leute reiben sich daran. Und ich muss mich daran gewöhnen, Projektionsfläche zu sein.
Vielleicht ist es auch das, was ich aus meiner Geschichte machen könnte: Ich hatte ja zeitweise schon das Gefühl, ich habe am Leben vorbei gelebt; auf gut deutsch: Es war alles beschissen, was ich gemacht habe. Aber so ist meine Vergangenheit auf andere Weise auch noch wirksam.
Die Frage, ob ich irgendwo mitmachen kann oder nicht, die löst sich ja immer von mir als Person und wird dann zu einer Grundsatzfrage. Und das muss ich dann eben einfach aushalten – ändern kann ich es eh’ nicht. Die Leute wollen mich entweder immer sehen als jemand, der stellvertretend etwas gemacht hat, wozu sie sich nie entschlossen haben. Das finde ich genauso fatal, wie das andere, wenn Leute also sagen: Die hat einmal die Gesellschaft angegriffen, die bleibt immer gefährlich.

Mit Silke Maier-Witt: sprach Werner Schulz

 

Die Redaktion der Initiative-Dialog dankt vielmals der Zeitschrift   Zivil 

zivil

 

übrigens gehörte die WebAdresse www.zivil.de früher uns, denn wir kauften fast alles, was Mensch für Frieden und Demokratie (an Domains) braucht. ABER wir können uns keinen besseren DomainVerwender für www.zivil.de vorstellen.

 
KOMMENTAR zum Interview mit Silke Maier-Witt:

ich muss sie einfach nur noch mal zitieren, denn das ist die zentrale Aussage, die wir immer wieder auch von der "anderen Seite" hören:

"... wieso bin gerade ich da reingekommen. Und ich habe gesehen, dass ich im Grunde aus so einer Position der Schwäche in die RAF gekommen bin. Ich habe, als ich inhaftiert war, eine Frau kennen gelernt, die war in einer Sekte, und da habe ich gemerkt: So unterschiedlich ist das gar nicht. Also, in der RAF sein hat mich immerhin der Notwendigkeit enthoben, mir immer wieder neu darüber klar zu werden: Was mache ich? In welche Richtung geht das? Wen unterstütze ich?
Es gab nur: »Einmal entschieden, immer entschieden.« Es wurde von der RAF auch immer dieses »Mensch oder Schwein sein« hochgehalten. Entweder du bist auf der richtigen Seite, oder du bist vollständig auf der falschen. Dazwischen gibt es nichts. Und dann war mit der Entscheidung, in die RAF zu gehen, der Weg in die andere Richtung ja abgeschnitten."

DAVOR müssen wir uns hüten: vor Blindheit für Alternativen,
vor Blindheit für die vielen Möglichkeiten, die "dazwischen" liegen.
Die Probleme der Gesellschaft, der Menschheit, des einzelnen MENSCHEN sind zu vielfältig, als dass es zu ihrer Lösung vereinfachter Antworten genügen könnten.
Nur in einem Punkt sollten wir uns alle einig sein: dass wir versuchen müssen, die Probleme im Miteinander zu lösen, denn das Gegeneinander gibt es ohnehin genug und ist selbst die schlimmste Problemquelle.

Mit freundlichen Grüßen
Sven Möller
www.initiative-dialog.de          DISKUSSION

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