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Von Gewalt und Terror zur
gewaltfreien Aktion:
»Irgendwann ging es nicht mehr«
Ein ehemaliges RAF-Mitglied wird
Friedensfachkraft
Silke Maier-Witt war
Mitglied in der RAF und befürwortete bewaffnete Gewalt als Mittel der Politik.
Inzwischen hat sie sich von der Terrorgruppe losgesagt und ihre Strafe verbüßt.
Jetzt plant sie einen Neuanfang als gewaltfreie Friedensfachkraft im Kosovo.
zivil: Frau Maier-Witt, Ihre Abkehr von der Gewalt als Mittel für den
politischen Zweck, war das eher ein abrupter Schnitt oder ein langwieriger
Prozess?
Maier-Witt: Für meinen Ausstieg gab es schon einen konkreten Anlass: Ich bin
ausgestiegen, nachdem eine unschuldige Frau 1979 in der Schweiz bei einem Banküberfall
der RAF erschossen wurde. Aber damals habe ich die Politik der RAF noch nicht für
völlig falsch gehalten. Erst später habe ich klargekriegt, dass da ein ganz
grundsätzlicher Widerspruch besteht: Die Menschheit zu retten und Gewalt
anzuwenden, das geht nicht.
zivil: Gewalt als politisches, revolutionäres Mittel war bei vielen
Linken in jener Zeit prinzipiell akzeptiert – allerdings bezogen auf andere
Menschen und andere Länder: Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt wurden
unterstützt, bis hin zu Spenden für deren Waffenkäufe.
Maier-Witt: Das stimmt. Und es wurde auch mir erst sehr viel später
klar, zusammen mit meinem Entschluss auszusteigen, dass diese Bewegungen, die
sehr viel Gewalt und Tote in Kauf nehmen, diese Gewalt immer weitertragen.
zivil: Weil sie den Kreis nicht durchbrechen, kein Ende hinkriegen?
Maier-Witt: Dass sie kein Ende hinkriegen zum einen, und dann auch selber wieder
gewaltsam versuchen müssen, eine noch immer starke Opposition niederzuhalten.
Außerdem ist mir klar geworden, dass wir im Grunde genommen mit unserer
abstrakten Politik ja überhaupt keine Legitimation mehr hatten. Also, ein Volk,
das wirklich unterdrückt wird und sich zur Wehr setzt ist etwas anderes, als
Leute, die sich so »kopfmässig« entschließen: Wir greifen jetzt in der BRD
an, um den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu helfen. Das ist ja schon
sehr abstrakt. Und da dann noch zu sagen, »das rechtfertigt, dass wir
soundsoviele Tote in Kauf nehmen«, das ist schon anmaßend, das ist unheimlich
anmaßend. Das ist es, was ich mir im nachhinein auch am meisten übel genommen
habe: Dass ich sehr wohl gesehen habe, wie entsetzlich das war, gerade bei
Schleyer, wo also wirklich brutalst diese vier Leute in einem Kugelhagel
ermordet wurden. Und auf die wurde im Grunde genommen kein Gedanke verschwendet.
Dabei waren sie ja keine Funktionsträger. Das verstieß ja selbst gegen die
moralischen Vorstellungen, die ja die RAF auch hatte, die zum Beispiel
Flugzeugentführungen abgelehnt hatte, wegen der Unbeteiligten. Aber bei
Schleyer, da war es anders, da hat der Zweck alle Mittel geheiligt.
Dass es mir gelungen ist, für eine Ideologie so weit zu gehen, alle moralischen
Bedenken fortzuwerfen, das war für mich dann schon eine entscheidende
Selbsterkenntnis. Da habe ich auch verstanden, wie das in der Nazi-Zeit gewesen
ist. Also wie gefährlich das ist, eine Ideologie und eine Gruppe zu haben, der
man sich zugehörig fühlt und die einem das Denken dann ja auch abnimmt.
Das habe ich mit großem Schrecken bei mir festgestellt, allerdings erst im
Knast, wo ich wieder anfing, mich mit mir und meinem RAF-Sein und mit der Frage
auseinanderzusetzen, wieso bin gerade ich da reingekommen. Und ich habe gesehen,
dass ich im Grunde aus so einer Position der Schwäche in die RAF gekommen bin.
Ich habe, als ich inhaftiert war, eine Frau kennengelernt, die war in einer
Sekte, und da habe ich gemerkt: So unterschiedlich ist das gar nicht. Also, in
der RAF sein hat mich immerhin der Notwendigkeit enthoben, mir immer wieder neu
darüber klar zu werden: Was mache ich? In welche Richtung geht das? Wen unterstütze
ich?
Es gab nur: »Einmal entschieden, immer entschieden.« Es wurde von der RAF auch
immer dieses »Mensch oder Schwein sein« hochgehalten. Entweder du bist auf der
richtigen Seite, oder du bist vollständig auf der falschen. Dazwischen gibt es
nichts. Und dann war mit der Entscheidung, in die RAF zu gehen, der Weg in die
andere Richtung ja abgeschnitten.
zivil: Das heißt, Gedanken an einen Ausstieg fallen auch deshalb nicht
leicht, weil ja alle persönlichen Beziehungen gekappt sind, weil die Konsequenz
des Ausstiegs hieße: völlige Leere in menschlichen Beziehungen. Ich stelle mir
vor, das ist ein sehr schwieriger Schritt.
Maier-Witt: Ja. Aber im Grunde genommen war es immer nur eine Illusion,
dass da innerhalb der RAF eine Nähe, eine menschliche Nähe wäre. In
Wirklichkeit war da nichts. Und grundsätzliche Fragen und Probleme konnte man
sowieso nie richtig ansprechen, das war viel zu gefährlich.
zivil: Gefährlich für wen?
Maier-Witt: Für alle, für einen selbst, für die Gruppe, für das ganze
System.
zivil: Nach dem Motto: Wehe es kommt jemand auf andere Ideen?
Maier-Witt: Genau. Also wenn jemand das grundsätzlich in Frage stellte,
was wir da machten, dann wurde auf jeden Fall immer mit ganz großen Vergleichen
argumentiert, meinetwegen mit den Unschuldigen, die in Vietnam umkamen. Die
wurden dann rangeholt.
Ich glaube, dass die grundsätzliche Frage der Gewaltanwendung nicht gestellt
werden durfte, weil sie den Bestand gefährdet hätte. Und wer das nicht
ausgehalten hat, der war da einfach falsch. Und deshalb sind auch zehn Leute
wirklich raus.
Ich denke, auch für den einzelnen klappt es nur, solange man es schafft, diese
Grundsatzfrage zu verdrängen. Aber dass dieses Verdrängen möglich ist, ist
das Erschreckende auf der anderen Seite.
zivil: Aber irgendwann ging es bei Ihnen nicht mehr.
Maier-Witt: Irgendwann ging es nicht mehr. Das hatte sich vorher schon angekündigt,
aber der Tod der unschuldigen Frau – einer Jüdin – die beim Banküberfall
in der Schweiz getötet wurde, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Im
Nachhinein sehe ich, dass es auch von Seiten der Gruppe klar war, dass ich da
nicht mehr reingehörte, denn: Als die zurückkamen von diesem Banküberfall, da
war ja einer von unseren Leuten verhaftet worden, und ich habe nur als erstes
gesagt: »Eine unschuldige Frau ist dabei erschossen worden.« Und dass ich als
erstes an die gedacht hab’ und nicht an unseren Verhafteten, das war schon so
ein Symbol, da war schon klar ...
zivil: ... die ist nicht mehr »stark« genug!
Maier-Witt: Die ist nicht mehr »stark« genug. Das war auch so eine
Verkennung von dem, was eigentlich Stärke ist.
Auf wie vielen
Wegen kommen Menschen zur Gewalt?
zivil: Während Ihrer Zeit im Gefängnis, so sagten Sie, seien Sie erst
richtig dazu gekommen, über sich und Ihr Leben nachzudenken. Haben Sie damals
auch über Gewalt und Gewaltlosigkeit nachgedacht, von der Kraft und den Mitteln
der Gewaltfreiheit erfahren?
Maier-Witt: Das kam noch später. Ich bin zuerst eher ins Psychologische
gegangen. Während meines Psychologie-Studiums habe ich darüber nachgedacht:
Was muss passieren – auch bezogen auf meinen Vater und deutsche Geschichte –
dass Leute sich zumindest mit dem konfrontieren, was sie getan haben. Also mehr
auf der Ebene der individuellen Gewalt. Das hat mich auch bei meiner
Diplomarbeit interessiert: Ich habe da ein Mädchen interviewt, die hat ein
anderes Mädchen umgebracht.
zivil: Eine Thematik, die viel mit Ihnen selbst zu tun hat. Sie sind
Ihrer Biographie also nicht ausgewichen.
Maier-Witt: Ich wollte die Mechanismen begreifen: Auf wie vielen Wegen
kommt jemand dazu, Gewalt anzuwenden? Wie anfällig können Menschen sein, wenn
sie in irgendwelche Gruppenzusammenhänge kommen? Ich habe das ja selbst im
Grunde genommen noch mal durchlebt, als ich in die DDR gekommen bin. »Die Idee
des Sozialismus« diesmal als Klammer. Die Idee fand ich gut, aber das, was
daraus gemacht wurde in der DDR ... Es wurde aber krampfhaft daran festgehalten,
dass der Sozialismus insgesamt schon eine gute Sache sein könnte – und
friedenserhaltend obendrein ...
zivil: ... also schon wieder so ein Gruppendruck?
Maier-Witt: Das hab’ ich mir auch gedacht: Das ist ja das Gleiche schon
wieder. Du bist vom Einen gekommen und ins Nächste rübergelaufen. Und dann ist
es so Stück für Stück gebröckelt.
Diese Vorstellung, auch bewaffnete Gruppen zu unterstützen, das ist ja sowas,
was jetzt allmählich bröckelt. Das haben Staaten getan, zum Beispiel die DDR,
das haben linke Gruppen getan. Ich habe gerade erfahren, dass es auch Unterstützungskomitees
für die UÇK gegeben hat, die auch noch hier im Westen geholfen haben, denen
Waffen zu beschaffen. Gruppen also, die diese direkte Konfrontation auch suchen,
wie es die RAF ja auch gemacht hat. Auch wenn klar ist, was dabei heraus kommen
wird: Die Gewalt steigert sich, geht weiter, keiner weicht zurück ... Was soll
sinnvoll daraus werden? Für mich war irgendwann klar: Es geht nicht, man kann
nicht friedliche Ziele verfolgen und dann Waffengewalt und Tote rechtfertigen.
Aber es hat lange gedauert, bis jetzt zum Kosovo-Krieg, bis ich das Gefühl
hatte, ich müsste mich in dieser Hinsicht auch engagieren.
»Ich muss mich daran gewöhnen, Projektionsfläche zu sein«
zivil: Das ist meine nächste Frage: Von der Ablehnung der Gewalt hin zu
praktischem, gewaltfreiem Engagement führt kein zwingender Weg. Woher kam der
Impuls bei Ihnen dazu? Haben Sie Gandhi gelesen?
Maier-Witt: Als ich aus dem Knast raus war, da hatte ich schon ein
bisschen Mühe. Ich hatte zum ersten Mal seit langem wieder die Chance, selber
zu entscheiden, was ich eigentlich mache. Und es hat gedauert, bis ich es
schaffte, diese Chance für mich auch wahrzunehmen.
Ich wollte zunächst auf der psychologischen Ebene mit kaputten Familien und den
kaputten Kindern da drinnen etwas machen. Als der Kosovo-Krieg kam, da spürte
ich sehr deutlich, dass mir das nicht reichte, ich mich eigentlich schon noch
einmischen will.
Seit dieser Anzeige, in der eine Friedensfachkraft gesucht wurde, habe ich mich
eigentlich erstmals richtig mit all diesen Friedensfragen beschäftigt. Was mir
schon länger klar war: Wir haben in der Friedensbewegung immer gesagt, dass wir
gegen Waffen sind, aber das war noch keine Antwort auf die Frage, wie es denn
sonst gehen soll. Das hat mich auch während des Kosovo-Krieges am meisten
aufgeregt, dass immer zu hören war: Es gibt zum Krieg, zu den Bomben keine
Alternative. Nur so geht es!
Ich dachte: Wenn das jetzt stimmt, dann stimmt alles nicht, was ich für mich
selber gelernt hatte und für mich ganz sicher wusste. Ich wusste: So geht es
eben nicht! Also von daher fand ich mich in dieser Stellenausschreibung genau
wieder.
zivil: Sie haben den Platz zur Ausbildung als Friedensfachkraft bekommen,
Ihre Ausbildung läuft noch, Ihr Einsatz ist geplant, wenn es sein muss – weil
das BMZ in Ihrem Falle zögert, die Finanzierung mitzutragen – durch Spenden
finanziert. Aber das BMZ hat es durch seinen Einwand geschafft, dass Sie jetzt
wieder in den Medien sind. Wie kommen Sie denn damit zurecht?
Maier-Witt: Als ich die Zusage bekam, da dachte ich, das ist genau das
Richtige für mich. Als es dann plötzlich hieß, ich könnte das nicht mehr
machen, da war ich schon ziemlich verzweifelt. Auch wegen der Begründung, dass
das Ganze in die Medien käme. In die Medien kommt es immer durch die Angst der
Leute, es käme in die Medien; dann erst wird es zum Politikum. Das Schlimme
ist, dass ich ja noch gar nichts gemacht habe, aber auch das wird schon wieder
auf einen Sockel gehoben. Es ist einfach unproportional. Ich hatte es wirklich
satt. Inzwischen denke ich: Es ist einfach so – muss so sein.
Manchmal dachte ich, das löst auch schon mal Diskussionen aus und Leute reiben
sich daran. Und ich muss mich daran gewöhnen, Projektionsfläche zu sein.
Vielleicht ist es auch das, was ich aus meiner Geschichte machen könnte: Ich
hatte ja zeitweise schon das Gefühl, ich habe am Leben vorbei gelebt; auf gut
deutsch: Es war alles beschissen, was ich gemacht habe. Aber so ist meine
Vergangenheit auf andere Weise auch noch wirksam.
Die Frage, ob ich irgendwo mitmachen kann oder nicht, die löst sich ja immer
von mir als Person und wird dann zu einer Grundsatzfrage. Und das muss ich dann
eben einfach aushalten – ändern kann ich es eh’ nicht. Die Leute wollen
mich entweder immer sehen als jemand, der stellvertretend etwas gemacht hat, wozu
sie sich nie entschlossen haben. Das finde ich genauso fatal, wie das andere,
wenn Leute also sagen: Die hat einmal die Gesellschaft angegriffen, die bleibt
immer gefährlich.
Mit Silke Maier-Witt: sprach Werner Schulz
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